Bikefitting für Frauen
Breiter Hintern = breiter Sattel?
Kleiner Hüftumfang = kleiner Abstand der Sitzbeinknochen?
Viel Sitzschmerz = viel Sattelpolster?
Wie bei vielen anderen Themen auch, gibt es beim Thema „Frauen und Fahrräder“ einerseits viele Vorurteile und Mythen, aber auch viele Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten.
Mit einigen möchte ich hier aufräumen und vor allem erklären, warum ein Bikefitting für Frauen enorm hilfreich sein kann.
Wer zum Beispiel wissen möchte, ob Frauen und Männer im Profi-Radsport das gleiche verdienen, kann hier mal reinlesen:
https://speed-ville.de/wie-viel-verdienen-radprofis-2025/
Stimmt’s?
Breiter Hintern = breiter Sattel?
Nicht automatisch. Entscheidend ist der Abstand deiner Sitzbeinknochen, und der lässt sich von außen nicht abschätzen. Er wirkt auch je nach Sitzposition unterschiedlich: Sitzt du aufrecht, rotiert das Becken nach hinten, und die Auflagepunkte rücken anders auf den Sattel als bei einer sportlichen Haltung. Ich analysiere deinen Sattel während du fährst, damit finden wir das richtige Modell. Hier findest du mehr Infos dazu.
Kleiner Hüftumfang = kleiner Abstand der Sitzbeinknochen?
Auch das lässt sich nicht verlässlich ableiten. Hüftumfang und Sitzbeinabstand haben wenig miteinander zu tun.
Viel Sitzschmerz = viel Sattelpolster?
Meistens nicht. Weiches Polster sinkt ein, vergrößert die Kontaktfläche und damit die Reibung, und auf längeren Touren kann es sich durchsitzen. Je länger du im Sattel sitzt, desto fester darf die Polsterung sein.
Weiblicher und männlicher Körperbau
Weibliche und männliche Körper unterscheiden sich im Durchschnitt in verschiedenen Merkmalen. Dazu zählen unter anderem die Körpergröße, die Schulterbreite und bestimmte Eigenschaften des Bewegungsapparats. Gleichzeitig gibt es große individuelle Unterschiede auch innerhalb der jeweiligen Geschlechter.
Ein Fahrrad, das für eine durchschnittliche Körpergröße oder bestimmte Körperproportionen entwickelt wurde, passt nicht automatisch zu jedem Menschen. Und auch spezielle Frauenmodelle sind nicht zwangsläufig die richtige Wahl für jede Frau.
Entscheidend ist, wie gut die Geometrie des Fahrrads zu deinen individuellen Körpermaßen passt.
Gerade bei sportlichen Fahrrädern kann es schwierig sein, eine passende Kombination aus Rahmengeometrie, Sitzposition, Lenker und Sattel zu finden. Unterschiedliche Rahmengrößen allein lösen nicht jedes Passformproblem.
Unterschiede bei weiblichen Körpern
Im englischsprachigen Raum haben sie schon einen Namen, bei uns nicht wirklich, weshalb nun die englischen Begriffe langsam zu uns rüberschwappen:
Innie und Outie sind gemeint. Sie bezeichnen die unterschiedlichen Arten der Vulvalippen.
Innie = Klitoris und innere Vulvalippen werden von den äußeren verdeckt
Outie = Klitoris und innere Vulvalippen sind sichtbar, liegen außerhalb
Beim Bikefitting kann es hilfreich sein, wenn du dir als Kundin zumindest bewusst darüber bist, wie deine Vulva aussieht.
Wenn du darüber sprechen magst – sehr gerne. Wenn nicht, habe ich vollstes Verständnis.
Bei Outies ist das Risiko deutlich größer, dass die inneren Vulvalippen und/oder die Klitoris eingequetscht werden oder es zu starken Hautreizungen kommt. Hier sind breitere Sättel mit einem Entlastungskanal ein guter Tipp.
Da bei Innies die inneren Vulvalippen und die Klitoris quasi von den äußeren Vulvalippen geschützt werden, ist das Thema Reizung und Druckschmerzen etwas geringer und schmalere Sättel können ausprobiert werden.
Wenn du mehr über das Thema Innies und Outies wissen möchtest, kannst du z.B. hier einen Artikel lesen: https://fraulila.de/innie-oder-outie-vagina-labien/
Im Bikefitting bei COMFYTTERS wird eine Druckmessfolie auf den Sattel gelegt, die alle Druckspitzen und die generelle Druckverteilung auf dem Sattel in einer Grafik darstellt. So können wir schnell herausfinden, ob ein bestimmtes Sattelmodell das Richtige für dich ist, oder ob sich dort langfristig Reizungen ergeben könnten.
Sattelprobleme
Die Paralympics-Teilnehmerin Hannah Dines hat 2019 im Guardian einen sehr offenen Artikel geschrieben, der immerhin den einen oder anderen Hersteller für Fahrradkomponenten wachrüttelte. Und sie bekam etliche Rückmeldungen von anderen Radfahrerinnen, die erleichtert waren, dass sie nicht die Einzigen sind und sich nun trauten, auch darüber zu sprechen.
Auch Männern fällt es mitunter schwer, über ihre taub gewordenen Genitalien zu sprechen. Aber bei vielen Frauen ist die Scham noch größer, vielleicht auch, weil wir in der Öffentlichkeit noch nicht so lange über die weiblichen Genitalien sprechen.
Hinzu kommt, dass der Sitzbereich bei Frauen viel empfindlicher sein kann: Einerseits die gesamte Vulva, andererseits der durch Verletzungen bei Geburten vernarbte Damm-Bereich und Vulvalippen-bedingte Probleme wie zuvor beschrieben.
Beschwerden
Es gibt wenige aktuelle unabhängige Studien zu den Problemen von Frauen auf Fahrrädern, dennoch sind die häufig auftretenden Beschwerden und Erkrankungen klar benennbar:
- Taubheitsgefühle kennen je nach Studie etwa 47 % der radelnden Frauen. Es ist ein Warnsignal, dass Sitzposition oder Sattel nicht passen, und kein Zustand, den man einfach hinnehmen sollte. Treten sie regelmäßig auf oder bleiben sie nach dem Absteigen bestehen, lass es ärztlich abklären. Zu den Langzeitfolgen gibt es bei Frauen bisher nur wenige gute Studien.
- Scheuerstellen sind Einfallstore für Bakterien. Fährt man längere Zeit am Stück können sie sich zusätzlich zu Verbrennungen entwickeln. Meistens scheuert es an den Innenseiten der Oberschenkel oder der Leistengegend.
- Haarbalgentzündungen sind häufiger, wenn vor der Radtour rasiert wurde. Hier dringen dann Bakterien in die leicht verletzte Haut ein. Das feucht-warme Klima in der Radhose begünstigt das zusätzlich.
- Entzündung der Scheide (Kolpitis). Häufig sind es Pilzinfektionen durch Bakterien. Ein Arztbesuch ist dringend angeraten und verstärkte Hygienemaßnahmen enorm wichtig.
- Harnwegsinfekte werden ebenfalls von den Bakterien in der Radhose begünstigt. Auch hier ist die Hygiene ernst zu nehmen. Zusätzlich sollte sehr viel getrunken werden, damit die Blase und die Harnröhre durchgespült werden können.
- Vergrößerung der Vulvalippen (genitale Hypertrophie) entsteht durch dauerhaften Druck und viel Reibung, so dass der Lymphabfluss behindert wird. Es kommt hauptsächlich bei Frauen vor, die über mehrere Stunden und regelmäßig im Sattel sitzen. Auch hier hat man es vorher mit Entzündungen, Druckschmerzen und anderen Reizungen zu tun und sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen.
Beckenkippung und Sattelwahl
Weibliche Körper sind im Schnitt beweglicher. Das ist ein Vorteil, kann aber im Sattel zum Nachteil werden: Elastischere Bänder und weniger massive Haltemuskeln zwischen Rücken und Becken lassen die Hüfte eher in Richtung Sattelnase kippen. Dazu ragen die Schambeine bei weiblichen Körpern weiter nach vorn und außen. Der empfindliche Bereich hat deshalb früher Kontakt mit dem Sattel.
Das Becken einfach nach hinten zu kippen löst das Problem selten, meist entstehen dadurch neue Beschwerden. Sattelform, Sattelneigung und Sitzposition müssen zusammenpassen. Ein Entlastungskanal hilft nur, wenn seine Ränder gut geformt sind. Sonst verlagert sich der Druck an die Kanten. Eine leicht nach unten geneigte Nase kann den Schambeinbereich entlasten.
die anderen Kontaktstellen
Neben den Schmerzen durch den Sattel sind Beschwerden an Händen, Schultern und Nacken üblich. Eine falsche Einstellung des Rades ist erstmal naheliegend und oft auch ursächlich. Hinzu kommt aber, dass viele Radfahrenden, meist unbewusst, Vermeidungsstrategien entwickeln, um dem unangenehmen Sattel zu entkommen. Die gesamte Analyse des Rades mit all seinen Kontaktstellen, der Person und ihren Erfahrungen mit Rädern sind also nötig.
- Lenkerbreite. Ob beim E-Bike, MTB oder Rennrad: Zu breite Lenker zwingen die Arme auseinander und können Schultern und Nacken verspannen. Bei Freizeitlenkern wird außerdem das Handgelenk nach außen abgeknickt was zu Taubheit führen kann.
- Bremsen. Die Griffweite lässt sich bei einigen Systemen individuell auf die Fingerlänge einstellen.
- Griffe. Kleinere Hände profitieren von schmaleren oder auch dünneren Griffen.
- Kurbellänge. Passt die Geometrie deines Rades nicht optimal, kann es eine kürzere Kurbel deine Kraftübertragung optimieren und deine Gelenke schonen.
- Rahmengröße und Geometrie. Ein „Damenrad“ ist nicht automatisch das richtige Rad. Manche Frauen passen besser auf einen Standardrahmen, manche nicht. Wenn du vor dem Kauf sicher gehen willst, mache am besten ein Bikesizing.
Was hilft?
- Die richtige Körperhaltung und Sitzposition auf dem Rad ist enorm wichtig, damit nur das belastet wird, was die Belastung auch aushalten kann.
- Ein passender Sattel, der dort Entlastung bietet wo die Problemzonen sind, ist der nächste Schritt.
Meine persönliche Faustregel: Nur so viel Polster, wie unbedingt nötig. Die Knochen gewöhnen sich an (fast) alles, das weiche Gewebe nicht. Je tiefer es in die Polsterung einsinken kann, desto mehr Kontaktfläche, also Reibungsfläche gibt es. - Wer längere Touren fährt, hat meistens eine Radhose. Sie wird übrigens immer ohne Unterwäsche getragen um Scheuerstellen an den Nähten zu vermeiden. Auch muss sie immer möglichst trocken und sauber gehalten werden.
Und eine Radhose muss nicht immer ein Polster haben. Das kann nämlich je nach Qualität viel Material zwischen den Sattel und dich bringen und Kontaktstellen produzieren, die ohne Polster nicht da wären. - Im gleichen Atemzug wird auch gerne über Sitzcremes gesprochen.
Vereinfacht gesagt, füllen sie Hautfalten auf, sodass es weniger Reibungspunkte und Reizungen der Haut gibt. Dünn einschmieren hilft hier aber nicht. Im Gegenteil, das Polster der Radhose und die Haut müssen richtig dick eingeschmiert werden, sodass am Ende der Ausfahrt noch Creme sichtbar ist. Das Produktangebot nimmt stetig zu, man kann je nach Hauttyp auch erstmal mit Zinkpaste oder Wundschutzsalben für Babys starten. - Dusche nicht unmittelbar vor der Radtour, da es Keime leichter haben, in feuchte Haut einzudringen.
- Hygiene, Hygiene und Hygiene.
Lass es ärztlich abklären, wenn du Folgendes bemerkst:
- plötzliche, starke Schmerzen
- Schwellungen
- anhaltende Taubheit
- Kraftverlust
- Schmerzen, die nach dem Absteigen nicht innerhalb von etwa 30 Minuten verschwinden